Schreib dich elastisch

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Der Stift und das Papier als bewährte
Werk­zeuge für eine bessere Zukunft:
Warum uns Schrei­ben hilft,
in einer heraus­for­dern­den Welt
nicht kaputt zu gehen und
sowohl unsere Persön­lich­keit als auch
neue Perspek­ti­ven zu entwi­ckeln.

Der Stift und das Papier als bewährte Werk­zeuge für eine bessere Zukunft:
Warum uns Schrei­ben hilft, in einer heraus­for­dern­den Welt nicht kaputt zu gehen und sowohl unsere Persön­lich­keit als auch neue Perspek­ti­ven zu entwi­ckeln.

Resi­li­enz. Da steht es, das Wort, in der Studie Future Skills (Samo­che­wiec, 2020), die im Corona-Früh­ling erschie­nen ist. Darin werden vier Szena­rien für das Jahr 2050 skiz­ziert und davon abge­lei­tet, welche Fähig­kei­ten für diese Zukünfte notwen­dig sind. Im Fokus stehen also Fertig­kei­ten, welche wir in Anbe­tracht des Wandels kulti­vie­ren und fördern soll­ten. Dass in der Studie das Wort Resi­li­enz auftaucht, Stress­re­si­li­enz, ist wenig über­ra­schend. Wir leben in einer äusserst komple­xen, heraus­for­dern­den Welt, und mit Stra­pa­zen ist – sorry – weiter­hin zu rech­nen. Denn dass uns der Plas­tik­müll bis zum Halse steht, gefähr­li­che Narziss­ten an der Macht ihre Kraft aus der Spal­tung der Gesell­schaft ziehen, eine Pande­mie die Welt heraus­for­dert, wir uns mit den Folgen des rigo­ro­sen Kapi­ta­lis­mus sowie dem Klima­wan­del konfron­tiert sehen… Das schleckt keine Geiss weg. Und nicht nur in der Mensch­heits­ge­schichte sind wir an einem Punkt ange­langt, an dem die Zukunft so unge­wiss und poten­zi­ell unge­müt­lich scheint, wie schon lange nicht mehr. Die Wahr­schein­lich­keit ist gross, dass wir in den kommen­den Jahren auch mit indi­vi­du­el­len, also persön­li­chen, schmerz­haf­ten Erleb­nis­sen konfron­tiert werden – viel­leicht mit einer Schei­dung, einem Stel­len­ver­lust, einer Krank­heit, dem Abschied von gelieb­ten Freund*innen und Fami­li­en­mit­glie­dern. Natür­lich trifft es nicht alle gleich wuch­tig, sind Glück und Unglück ungleich­mäs­sig verteilt. Für manche wird es beson­ders hart, andere mögen glimpf­lich davon­kom­men. Aber niemand geht einen langen Weg, ohne sich irgend­wann mit poten­zi­ell kriti­schen Lebens­er­eig­nis­sen konfron­tiert zu sehen. Schmerz, Verluste, Rück­schläge gehö­ren zum Mensch­sein dazu. Die Frage ist, wie wir das, was uns wider­fährt, bewäl­ti­gen. Und nicht zuletzt: wie wir mit dem Altern umge­hen. Dem Ster­ben. Dem Tod.

Zerreiss­pro­ben in Sicht und Sein

Viele von uns verdrän­gen mit angst­ge­trie­be­ner Verbis­sen­heit, dass nicht nur die Ressour­cen unse­res Plane­ten beschränkt sind, sondern auch die eige­nen Lebens­kräfte. Ja, unser persön­li­ches Dasein ist endlich. Unser Person­sein ist endlich. Und obgleich wir die durch­schnitt­li­che Lebens­er­war­tung in den letz­ten Deka­den beacht­lich stei­gern konn­ten, die fort­schrei­tende Tech­nik den Traum vom ewigen Sein befeu­ert: Media vita in morte sumus. Was schon vor 1000 Jahren mit Nach­druck gesun­gen wurde, ist noch immer wahr. Inmit­ten des Lebens sind wir vom Tode umfan­gen. Natür­lich ist uns und unse­ren Liebs­ten zu wünschen, dass wir noch lange leben – wenn denn das Leben noch lange Quali­tät hat. Aber selbst im besten aller guten Fälle sieht’s für uns nicht nur rosa aus. Goethe jeden­falls war über­zeugt, dass alt werden Summa Summa­rum niemals erquick­lich sei. Und der römi­sche Philo­soph Seneca nannte das Alter gar eine unheil­bare Krank­heit. Unbe­strit­ten ist: Der Körper kommt im Verlaufe der Zeit an seine Gren­zen – teils verflüch­tigt sich auch der Geist. Das kann äusserst schmerz­haft sein, für die Betrof­fe­nen selbst, aber auch für deren Ange­hö­rige. Gerade in einer Zeit und Gesell­schaft, in der in erster Linie Jugend und Schön­heit zele­briert werden, alle aktiv, attrak­tiv, im Saft zu sein haben, in der Kraft, kann uns über­for­dern und über­rum­peln, dass uns die Zeit zeich­net, dass sie uns klare Gren­zen setzt und letzt­lich auflöst. Jeden­falls jene Mani­fes­ta­tion zersetzt, mit der wir uns iden­ti­fi­zie­ren, in der unser Ego logiert. Wie also können wir solch hefti­gen Heraus­for­de­run­gen betref­fend unse­rer kollek­ti­ven, gesell­schaft­li­chen sowie indi­vi­du­el­len, persön­li­chen Zukunft «gesund» begeg­nen?

So steht es, so dreht es, so geht es…

Bevor wir über­le­gen, wie der Mensch aufge­stellt sein muss, um auch in schwie­ri­gen Lebens­la­gen nicht unter­zu­ge­hen, lohnt es sich, über Gesund­heit an sich nach­zu­den­ken und sich zu fragen, wofür dieser Begriff denn eigent­lich steht. Die wohl bekann­teste Defi­ni­tion wurde durch die Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­tion (WHO) gege­ben: «Gesund­heit ist ein Zustand des voll­stän­di­gen körper­li­chen, geis­ti­gen und sozia­len Wohl­erge­hens und nicht nur das Fehlen von Krank­heit oder Gebre­chen.» Eine eben­falls promi­nente, ergän­zende Defi­ni­tion liefert der deut­sche Sozial‑, Bildungs- und Gesund­heits­wis­sen­schaft­ler Klaus Hurrel­mann: «Gesund­heit ist der Zustand des objek­ti­ven und subjek­ti­ven Befin­dens einer Person, der gege­ben ist, wenn diese Person sich in den physi­schen, psychi­schen und sozia­len Berei­chen ihrer Entwick­lung im Einklang mit den eige­nen Möglich­kei­ten und Ziel­vor­stel­lun­gen und den jeweils gege­be­nen äusse­ren Lebens­be­din­gun­gen befin­det.» (Hurrel­mann, 1990)

Einfa­cher formu­liert: Gesund­heit hängt mit der Bewäl­ti­gung von inne­ren und äusse­ren Heraus­for­de­run­gen zusam­men, ist somit kein passi­ver Zustand, sondern eine aktive Ausein­an­der­set­zung mit dem eige­nen Lebens­lauf.

Zurück zur Resi­li­enz

Man muss sich das Wort mal von der Zunge rollen und es mit einem langen Zzz am Schluss genüss­lich ausklin­gen lassen. Es laut und deut­lich sagen. Resi­li­enz. Das klingt etwas bockig, punkig, stör­risch. Tatsäch­lich geht es dabei um Wider­stand, aber um eine Form des Wider­stan­des, die an Bambus erin­nert, nicht an Stein, nicht an Mauern. Der Begriff, heisst es auf der Webseite des Resi­li­enz Zentrum Schweiz, sei ursprüng­lich im Kontext der Mate­ri­al­wis­sen­schaft verwen­det worden und beschreibe die Fähig­keit, nach einer elas­ti­schen Verfor­mung wieder die Ursprungs­form erlan­gen zu können. Und weiter: «Das Wort Resi­li­enz kommt aus dem latei­ni­schen resi­lire und bedeu­tet zurück­sprin­gen oder abpral­len. Das Engli­sche Wort resi­li­ence beinhal­tet zusätz­lich die Verän­de­rungs­kom­pe­tenz (Über­le­bens- und Anpas­sungs­fä­hig­keit), was für unse­ren Zeit­geist sehr wich­tig ist.»

Aber was, kann man sich nun fragen, trägt zu dieser fürs Über­le­ben elemen­ta­ren Kompe­tenz bei? Woraus besteht Resi­li­enz? Wie heis­sen die einzel­nen Bauteile? Bei der Resi­li­enz-Akade­mie in Göttin­gen stos­sen wir u.a. auf die sieben Säulen der Resi­li­enz. Letz­tere sind an das Modell von Fran­ziska Wiebel ange­lehnt, einer promo­vier­ten Mole­ku­lar- und Evolu­ti­ons­bio­lo­gin, die als zerti­fi­zierte Trai­ne­rin, Burnout-Bera­te­rin und Coachin arbei­tet.

Vier Grund­hal­tun­gen

1 AKZEPTANZ | Und zwar dessen, was nicht geän­dert werden kann und sich noch nicht verän­dern lässt. Mit Akzep­tanz sind zudem die Selbst­ak­zep­tanz (kogni­tiv) sowie die Selbst­an­nahme (emotio­nal) gemeint.

2 BINDUNG | Diese Säule bezieht sich auf das mensch­li­che Grund­be­dürf­nis nach Kontakt sowie im Detail auf die Bindung zu sich selbst, ande­ren Menschen, Grup­pen und ganzen Syste­men. Es geht darum, sich nicht allein, sondern zusam­men­ge­hö­rig zu fühlen.

3 LÖSUNGSORIENTIERUNG | Wer den Blick nicht im Problem verliert, sondern sich wohl­ge­formte Ziele formu­liert und anvi­siert, wer also eine wert­ba­sierte, lösungs­ori­en­tierte Haltung einnimmt, erleich­tert sich den Zugang zu den eige­nen Ressour­cen.

4 GESUNDER OPTIMISMUS | Damit ist nicht der Blick durch die rosa­rote Brille gemeint, sondern ein realis­ti­scher Opti­mis­mus, der auch den Pessi­mis­mus als evolu­tio­när bedingte Über­le­bens­kom­pe­tenz würdigt. Mit gesun­dem Opti­mis­mus ist auch Dank­bar­keit verbun­den.

Drei Prak­ti­ken

5 SELBSTWAHRNEHMUNG | Wenn wir eine gute und starke Bezie­hung zu uns selber aufbauen, können wir auch die Signale des Körpers wahr­neh­men und besser einord­nen. Bei dieser Praxis geht es um die Schär­fung der Sinne sowie um Acht­sam­keit.

6 SELBSTREFLEXION | Bei der Praxis von Selbst­re­fle­xion nehmen wir eine Meta-Posi­tion ein, betrach­ten uns also von aussen und reflek­tie­ren Reak­tio­nen sowie unsere Denk- und Gefühls­mus­ter. So lernen wir auch unsere Bedürf­nisse besser kennen.

7 SELBSTWIRKSAMKEIT | Bei der sieb­ten und letz­ten Säule geht es schliess­lich um das Wissen um die eigene Wirk­sam­keit, also darum, sich nicht frem­den Mäch­ten ausge­lie­fert zu fühlen, sondern sich auch unter Stress an wert­volle Ressour­cen, Fähig­kei­ten und Muster zu erin­nern, die dabei helfen, Probleme zu lösen und Krisen zu über­win­den.


Wider­stands­fä­hig­keit dank Krea­ti­vi­tät

Im Resi­li­enz Zentrum Schweiz wird nicht mit sieben Säulen, sondern einem acht­tei­li­gen Rad gear­bei­tet, bei dem auch Krea­ti­vi­tät als wich­ti­ger Bestand­teil für psychi­sche Wider­stands­fä­hig­keit erach­tet wird, also das Fördern und Pfle­gen der eige­nen Schöp­fungs­kraft.

Spätes­tens jetzt soll­ten wir an den Stift denken und daran, wie wir schrei­bend expe­ri­men­tie­ren und kreieren können. Und natür­lich gibt es neben dem Schrei­ben noch 1001 weitere Möglich­kei­ten, fanta­sie­voll und künst­le­risch tätig zu sein. Wir können malen, tanzen, Musik machen, nähen, im Garten zur Tat schrei­ten, die Erde kneten und Welten kreieren, die nach Laven­del und Thymian riechen und schme­cken wie sonnen­ge­reifte Toma­ten.

Schrei­ben als Werk­zeug drängt sich aber auch deshalb auf, da hinter Resi­li­enz ein komple­xer psychi­scher Mecha­nis­mus aus vielen einzel­nen Fakto­ren steckt. Schrei­bend lässt sich all das trai­nie­ren, entwi­ckeln, verfei­nern, was mit den Säulen-Wörtern beschrie­ben wird. Schrei­bend lässt sich all das erfor­schen, erwei­tern, auspro­bie­ren, was mit der Krea­ti­vi­tät im Rade dreht. Schrei­bend können wir Verlet­zun­gen erken­nen und benen­nen – und zugleich seelisch robust sein, uns stär­ken. Mit einem Stift in der Hand, einer Tasta­tur unter unse­ren tanzen­den Fingern.

Wenn wir uns nun noch­mals das Rad vor Augen führen, bzw. die einzel­nen Bestand­teile von Resi­li­enz, und sie mit Erkennt­nis­sen aus der Schreib­for­schung verbin­den, erhal­ten wir eine kraft­volle, ermu­ti­gende Bestä­ti­gung: nämlich die, dass uns mit Schrei­ben ein wert­vol­les Tool zur Verfü­gung steht, welches uns darin unter­stützt, trotz widri­ger Umstände zu gedei­hen.

AKZEPTANZ

Schon der antike Philo­soph Epik­tet soll zu seinen Schü­lern gesagt haben: «Wir können die Dinge nicht ändern, aber wir können unsere Haltung gegen­über den Dingen ändern.» Ein erster Schritt hin zur Resi­li­enz ist aber nicht die alter­na­tive Bewer­tung, also ein Refrai­ming der Situa­tion, sondern, dass man dem Übel zuerst mal ins Gesicht schaut, damit verbun­dene Gefühle regis­triert. Oder in den Worten der US-ameri­ka­ni­schen Psycho­lo­gin Marsha Line­ham, welche die Übung Radi­kale Akzep­tanz in ihr Fertig­kei­ten­trai­ning zur Emoti­ons­re­gu­la­tion inte­griert: «Ich leiste keinen Wider­stand, übe keinen Druck aus, laufe nicht davor weg. Ich stelle mich inner­lich vor mein Gefühl, betrachte es und lasse es da sein. Erst einmal nur das. Nichts weiter.» (Zeug, 2017)

Beob­ach­ten, betrach­ten und beschrei­ben, ohne zu werten. Das ist eine Form der Akzep­tanz, die sich gerade auch in der schrift­li­chen Form trai­nie­ren lässt.

BINDUNG / NETZWERKORIENTIERUNG

In den ersten Wochen des Lock­downs im Zuge der Corona-Pande­mie wurde vielen von uns bewusst, wie wich­tig es für unser Wohl­be­fin­den ist, nicht isoliert, sondern in Verbin­dung mit ande­ren zu sein.

Einige haben das Briefe- und Post­kar­ten­schrei­ben als Form der Annä­he­rung und Bezie­hungs­pflege (wieder-)entdeckt, einen Blog oder virtu­elle Schreib­grup­pen ins Leben geru­fen, sich auf Social Media zu Wort gemel­det. Ein solches Schrei­ben ist immer auch sozia­les Handeln. Aber selbst intro­ver­tier­tes Tage­buch­schrei­ben kann uns sozial den Rücken stär­ken, gerade auch dann, wenn wir uns allein­ge­las­sen fühlen mit unse­ren Proble­men.

Schrei­ben über ein stress­rei­ches Erleb­nis ist vor allem für Menschen mit gros­ser Angst vor Ableh­nung hilf­reich und kann zu einer Stim­mungs­ver­bes­se­rung beitra­gen. Letz­tere macht im Alltag offe­ner und gewand­ter, was wiederum die soziale Inte­gra­tion fördert und vermehrt soziale Unter­stüt­zung erfahr­bar macht (Ko&Kuo, 2009; Baker & Moore, 2008).

LÖSUNGSORIENTIERUNG / ZUKUNFTSORIENTIERUNG

Schrei­ben kann uns auch helfen, Erfah­run­gen auf eine Weise zugäng­lich zu machen, die es ermög­licht, Visio­nen und Ziele sowohl in der Gegen­wart als auch für die Zukunft zu iden­ti­fi­zie­ren, zu visua­li­sie­ren und umzu­set­zen (Oettin­gen et al., 2001). Das schrift­li­che Formu­lie­ren von Zielen wird nicht zuletzt im Busi­ness-Kontext empfoh­len, beispiels­weise in den viel­be­ach­te­ten Büchern von Jörg Knob­lauch, Brian Tracy und Rainer Zitel­mann. Die Autoren beru­fen sich dabei auf eine legen­däre Harvard­Stu­die aus dem Jahr 1979, welche den Werde­gang von Absolvent*innen unter­sucht und erge­ben habe, dass jene, die ihre Ziele schrift­lich fixiert hatten, im Vergleich mit den ande­ren sehr viel erfolg­rei­cher waren. Die Studie ist nicht gänz­lich unum­strit­ten.

Einige ange­führte Gründe klin­gen in meinen Ohren aber plau­si­bel: Wenn wir unsere Ziele deut­lich, posi­tiv und konkret formu­lie­ren, sind wir zu gedank­li­cher Klar­heit gezwun­gen. Das schrift­li­che Formu­lie­ren von Zielen veran­kert diese in unse­rem Bewusst­sein und ist schon ein erster Schritt in die Reali­sie­rung. Mit schrift­li­chen Zielen lassen sich zudem Fort­schritte kontrol­lie­ren, allfäl­lig nötige Kurs­kor­rek­tu­ren erken­nen und Korrek­tur­mass­nah­men begrün­den, Erfolge feiern (Breyer, 2017).

GESUNDER OPTIMISMUS / OPTIMISMUS

Ein Forscher­team der austra­li­schen Univer­sity of New England hat in einer 2016 veröf­fent­lich­ten Studie syste­ma­tisch Arbei­ten aus dem Fach­be­reich der Psycho­lo­gie unter­sucht, die sich der Förde­rung von Opti­mis­mus widmen. Die häufigste und auch erfolg­reichste Inter­ven­tion war The Best Possi­ble Self Inter­ven­tion, bei welcher die Teilnehmer*innen in regel­mäs­si­gen Abstän­den eine halbe Stunde über ihre best­mög­li­che Zukunft nach­den­ken und schrei­ben (Ober­mül­ler, 2016).

Aber auch Proband*innen des von Penne­baker begrün­de­ten Expres­si­ven Schrei­bens, die einge­la­den waren, sich ihre schlimms­ten Erleb­nisse von der Seele zu schrei­ben, berich­te­ten, dass sie sich in den Wochen und Mona­ten nach dem Schreib­ex­pe­ri­ment weni­ger depres­siv oder nega­tiv fühl­ten, dass ihre Ängste zurück­ge­gan­gen seien und dass sie häufi­ger Opti­mis­mus und Glücks­ge­fühle erleb­ten. (Penne­baker, 2010)

SELBSTWAHRNEHMUNG / ACHTSAMKEIT

Die Praxis der Acht­sam­keit ist dem Schrei­ben grund­sätz­lich einver­leibt, «weil sich Schrei­ben und Wahr­neh­mung in einem bestän­di­gen Wech­sel­ver­hält­nis befin­den, in welchem Schrei­ben zur Acht­sam­keit führt und die durch das Schrei­ben geför­derte Wahr­neh­mung das Erle­ben vertieft» (Brüning&Lenz, 2019).

Schrei­bend trifft, erkun­det, entdeckt man sich selbst und die eigene Lebens­welt. Acht­sa­mes Schrei­ben ist ein Schrei­ben mit allen Sinnen und somit Selbst- und Welt­be­geg­nung, Selb­stof­fen­ba­rung.

Dabei ist Schrei­ben auch immer ein Frei­le­gungs­pro­zess: «Innere Bilder, Gedan­ken und Gefühle, die danach drän­gen, ihren Ausdruck zu finden, brau­chen in diesem Prozess einen offe­nen, leeren Raum», schreibt Doris Kirch vom Deut­schen Fach­zen­trum für Acht­sam­keit. Acht­sa­mes Schrei­ben erschliesse nicht zuletzt das Poten­zial inne­rer Weis­heit (Kirch, 2020).

SELBSTREFLEXION / SELBSTVERANTWORTUNG

Bei der Praxis von Selbst­re­fle­xion nehmen wir eine Meta-Posi­tion ein, betrach­ten uns also von aussen und reflek­tie­ren Reak­tio­nen sowie unsere Denk- und Gefühls­mus­ter. Dabei lernen wir auch unsere Bedürf­nisse besser kennen. Zudem kann es auch bei Trau­mata hilf­reich sein, das Erlebte nicht bloss zu beschrei­ben, sondern in Varia­tio­nen zu erzäh­len. Solche Varia­tio­nen können durch Wech­sel des Schreib­stils, durch Verfrem­dung oder durch einen Wech­sel der Perspek­tive erreicht werden (Brüning & Lenz, 2019). Schrei­bend kann ich zudem vom blos­sen Reagie­ren ins Möglich­kei­ten- und Taten­feld des Agie­rens gelan­gen, schrei­bend kann ich mich aus der Opfer­rolle raus­den­ken, hinein in die Schöp­fer­rolle kommen. Eben die Feder­füh­rung über­neh­men. Auf das eigene Denken und Wollen achten. Das eigene Handeln. Wirken. Sein.

SELBSTWIRKSAMKEIT

Posi­tive Erleb­nisse und Gefühle aus der Vergan­gen­heit, die als Anker und Ressource dienen, lassen sich auch schrift­lich abru­fen. Wenn ich sie damals zu Papier gebracht habe, kann ich sie wieder und wieder lesen und beim Lesen zum Leben erwe­cken.

Wenn sie noch nicht in Text­form fest­ge­hal­ten sind, kann ich mich best­mög­lich zu erin­nern versu­chen und im Präsens einen Text verfas­sen, in dem ich noch­mals inten­siv rein­steige in die Situa­tion, mit all meinen Sinnen, mit allen, noch abruf­ba­ren, verfüg­ba­ren Details. Zudem lässt sich schrei­bend vor Augen führen, dass man sein (Er-)Leben selbst mitge­stal­tet – beispiels­weise bei der Schreib­übung Three Good Things von Martin Selig­man, Begrün­der der Posi­ti­ven Psycho­lo­gie, bei der man abends drei Dinge zu Papier bringt, die einem tags­über Freude berei­tet haben, und gleich dazu notiert, was man selber dazu beigetra­gen hat (Selig­man, Stehen, Park & Peter­son, 2005).

KREATIVITÄT

Im Begriff Krea­ti­vi­tät stecken zwei latei­ni­sche Wörter: creare (schöp­fen) und crescere (gesche­hen). Krea­tiv sein bedeu­tet, in sich etwas Neues zu erzeu­gen und dieses Neue wach­sen zu lassen (Heimes, 2012). Krea­ti­vi­tät kann als schöp­fe­ri­sche Kraft verstan­den werden, als eine ange­bo­rene und entwi­ckel­bare Fähig­keit des Menschen bzw. leben­der Systeme, die Welt zu «kompo­nie­ren».

Dass sich eine krea­tive Beschäf­ti­gung wie Schrei­ben posi­tiv auf unsere Gesund­heit auswirkt, ist nicht zuletzt eine der zentra­len Aussa­gen eines 2019 publi­zier­ten Berich­tes des WHO-Regio­nal­bü­ros für Europa, der die Erkennt­nisse aus über 900 globa­len Publi­ka­tio­nen analy­siert.

Und dass es dabei nicht zwin­gend auf die Quali­tät der Erzeug­nisse ankommt, sagte schon Hermann Hesse (Lektüre für Minu­ten). Der Schrift­stel­ler und Dich­ter war sogar über­zeugt:

«Selbst das Machen schlech­ter Gedichte
ist beglü­cken­der
als das Lesen der aller­schöns­ten.»

Alles gut, einfach schrei­ben?

Wie immer, wenn das Schrei­ben als Wunder­mit­tel vorge­stellt wird, gilt es darauf hinzu­wei­sen, dass sich nicht jedes Problem schrei­bend und im Allein­gang lösen lässt. Es gibt profes­sio­nelle Hilfe, die man bean­spru­chen kann, teils bean­spru­chen sollte, um im Kern zu gesun­den: die Hilfe von thera­peu­tisch, sozi­al­päd­ago­gisch, seel­sor­ge­risch kompe­ten­ten Perso­nen. Und trotz­dem! Schrei­ben fördert einen Teil jener Selbst­kom­pe­ten­zen, die es braucht, um Visio­nen zu entwi­ckeln, ein Wollen zu entwer­fen, einen Soll-Zustand der Welt, widde­widde wie sie uns gefällt. Schrei­bend kulti­vie­ren wir unse­ren Explo­ra­ti­ons­wil­len, also unsere Neugier, unsere Krea­ti­vi­tät und Fanta­sie, ja, auch unsere (künst­le­ri­sche) Ausdrucks­fä­hig­keit. Zudem lassen sich Verluste, Rück­schläge und Unge­wiss­hei­ten grund­sätz­lich besser verkraf­ten, wenn wir uns ihrer schrei­bend anneh­men. Oder mit den Worten von Malcolm in Macbeth: «Gib Worte deinem Schmerz: Gram, der nicht spricht, presst das beladne Herz, bis dass es bricht.»

Schrei­bend trai­nie­ren und kulti­vie­ren wir unsere Bambus-Quali­tä­ten: Die schrift­li­che Ausein­an­der­set­zung mit dem eige­nen Wollen, Werden und Sein macht uns bieg­sam und elas­tisch, unbeug­sam und stark.

Andrea Keller, Kultur­ver­mitt­le­rin, Autorin, ange­hende Schreib­päd­ago­gin
(MAS Biogra­fi­sches & Krea­ti­ves Schrei­ben)
reali­siert als Krea­tiv-Kompli­zin
und mit dem Studio Narra­tiv
Schreib­kurse und verschie­dene
Kunst-/Kul­tur­pro­jekte.

Andrea Keller, Kultur­ver­mitt­le­rin, Autorin und ange­hende Schreib­päd­ago­gin (MAS Biogra­fi­sches & Krea­ti­ves Schrei­ben) reali­siert als Krea­tiv-Kompli­zin und mit dem Studio Narra­tiv Schreib­kurse und verschie­dene Kunst-/Kul­tur­pro­jekte.

kreativ-komplizin.com | studio-narrativ.com

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Erst­pu­bli­ka­tion des Beitra­ges in:
«SchreibRÄUME.
Maga­zin für Jour­nal Writing, Tage­buch
und Memoir»
Illus­tra­tio­nen: SchreibRÄUME

Erst­pu­bli­ka­tion des Beitra­ges in:
«SchreibRÄUME. Maga­zin für Jour­nal Writing, Tage­buch und Memoir»
Illus­tra­tio­nen: SchreibRÄUME

Titel­bild: kazu­end, unsplash